Strubel, Antje Rávic: Blaue Frau
S. Fischer Verlag
erschienen: 2021
ISBN: 978-3-10-397101-9
gebunden
429 Seiten
Preis: 24,00 EUR
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Strubel, Antje Rávic


Blaue Frau


Roman


„Blaue Frau“ ist ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2021!

Adina Schejbal wächst auf als letzte Jugendliche ihres Dorfes im tschechischen Riesengebirge. Schon als Kind sehnt sie sich in die Ferne und geht mit 21 Jahren für einen Sprachkurs nach Berlin. Danach scheint ein Praktikum in einem neu entstehenden Kulturzentrum in der Uckermark die Chance für sie, in Deutschland zu bleiben. Aber sie wird dort Opfer der sexuellen Gewalt eines international angesehenen Kulturvermittlers.
Adina flieht nach Norden und strandet in Helsinki, wo sie schwarz in einem Hotel arbeitet. Dabei lernt sie den estnischen Politikprofessor und EU-Angeordneten Leonides Siilmann kennen. Der Schutzraum, den er ihr gibt, wird jäh zerstört, als der deutsche Kulturvermittler wieder auftaucht. Adina flieht ein zweites Mal.

Ein forderndes Buch, das lange nachwirkt.

Antje Rávic Strubel gestaltet die Erfahrungen der jungen Frau beispielhaft für die Geringschätzung, das Übersehenwerden und die Ausnutzung junger Menschen, vor allem Frauen, aus Osteuropa im Westen.
Deutlich wird die kulturelle „Unwucht zwischen Ost und West“ (S. 327) in Deutschland und Europa, weitergedacht in der gesamten nichtwestlichen Welt. Die Herkunft macht den Unterschied. Menschen „versuchen, das Beste daraus zu machen, ohne dass es je gut wird“ (S. 285).

Alina steht für die Verletzungen und das Entwurzeltsein von Frauen (statistisch jeder dritten Frau), denen Männer Gewalt zufügen. Männliche Selbstüberschätzung und die „Toleranz“ der Gesellschaft verhindern, dass die Täter moralisch und juristisch zur Rechenschaft gezogen werden.

„Blaue Frau“ ist kein politisches Manifest, bleibt immer hochkarätige Literatur, macht aber eindrücklich klar, dass das Private politisch ist. Sich auf politischer Ebene für Menschenrechte zu engagieren – wie Leonides – und „Dunkelstellen“ aufzudecken, ist nicht genug. Notwendig ist es, konsequent Respekt und gleiche, elementare Rechte für alle Menschen im persönlichen Umfeld zu leben.

Der Roman ist sprachlich vielfältig, mit schwebend lyrischen Passagen, nahezu körperlich spürbaren Bildern und Spannung aufbauenden Dialogen. Das führt zu unterschiedlichen Lesegeschwindigkeiten innerhalb des Buches. Erzählt wird nicht linear, Alinas Geschichte fügt sich allmählich zusammen, wobei Strubel die Lesenden immer orientiert hält. Unterbrochen wird die Erzählung von kurzen Gesprächen der Autorin mit einer schwer greifbaren, mystischen Blauen Frau.

Neben den differenziert gestaltetet Männerfiguren sind besonders die starken Frauenfiguren unterschiedlichen Alters eindrücklich. Adinas Großmutter und Mutter, die Aktivistin Kristiina, die Anwältin Liv – jede zeigt in ihrem Lebensumfeld ihre Grenzen und Stärke.

Ein Beleg für Strubels literarische Meisterinnenschaft ist, dass sie zwei Szenen auslässt: Zum einen bleibt die Vergewaltigung Adinas als Leerstelle stehen. Das Unsäglich ist nicht sagbar. Selbst wenige Andeutungen sind unerträglich genug.
Zum anderen bleibt der Schluss offen, nachdem die juristische Anklage des Vergewaltigers aussichtslos erscheint. Welchen Weg Adina findet, wird von der Autorin nicht festgelegt.

Der Roman kann nicht versöhnlich enden. Am Ende bleibt aber nicht die weibliche Macht- und Sprachlosigkeit, sondern die Kraft der Frauen als Silberstreif.

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