Leon, Donna: Über Venedig, Musik, Menschen und Bücher
Diogenes Verlag
erschienen: 2005
ISBN: 978-3-257-06487-2
Hardcover
343 Seiten
Preis: 19,90 EUR

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Leon, Donna


Über Venedig, Musik, Menschen und Bücher



Donna „fantàstica“ Leon 'mal anders: Diesmal kein Krimi, sondern eine Sammlung ihrer Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln sowie einer Reihe hier erstmals gedruckter Texte.

Ich hatte erwartet, dass vor allem die Venedig betreffenden Texte neue Facetten von Leons Wahlheimat ans Licht bringen. Aber darin geht es um Themen, die auch in den Krimis verarbeitet sind und daher können sie eher als Kommentare zum literarischen Werk gelesen werden.

Weitaus spannender sind die folgenden Kapitel: Es zeigt sich, dass Leons sachliche und völlig illusionslose Weltsicht gepaart ist mit der Eigenschaft, sich für die Oper euphorisch zu begeistern. Die Autorin hat weder Fernseher noch Handy, aber gibt für eine Opernreise mehr Geld als eine Monatsmiete aus. Bei ihren Gesprächen mit Cecilia Bartoli und Anne Sophie von Otter sehen wir die prominente Autorin mit leuchtenden Augen vor den verehrten Sängerinnen sitzen und zusammen mit ihnen der Opernleidenschaft frönen.
Dass eine gewisse Freude an der Beschreibung blutiger Morde in einer Seele wohnt mit rührender Zuneigung für Kleintiere aller Art, erfahren wir in den Texten „Über Mensch und Tier“. Die Artikel über Männer zeigen, dass Leon einzelnen durchaus zugetan ist, aber energisch gesellschaftliche Verhältnisse anklagt, die Männern Freiheiten auf Kosten von Frauen ermöglichen, z.B. wenn es um Pädophilie, Sextourismus oder den Umgang mit Frauen in Saudi-Arabien geht. Ergänzt werden biographische Splitter - wie der Bericht über ihre Lehrtätigkeit in Saudi-Arabien - durch einige Familiengeschichten der Autorin. Darin wird auch ihre vernichtende Einschätzung der AmerikanerInnen und der amerikanischen Kultur deutlich. Nicht fehlen durfte in diesem Buch natürlich ein Kapitel „Über Bücher“. Nachdem Leon jahrelang als Literaturdozentin gearbeitet hat, kann sie sehr klare Empfehlungen geben, wie man einen guten Kriminalroman schreibt (wenn das nur so einfach wäre... ). Und sie klärt die Frage, worüber sie sich bei einem Essen mit ihrer Kollegin Ruth Rendell unterhält.

In dieser Textsammlung zeigt sich Donna Leon, mehr noch als in ihren Krimis, als Anklägerin gesellschaftlicher Missstände. Ihre klaren und engagierten Stellungnahmen scheinen für sie ebenso eine Notwendigkeit zu sein wie der Genuss von Kultur, beginnend beim Essen, über Sprache, Musik bis zur bildenden Kunst. In ihren Romanen finden wir Spuren von trockenem Humor, Zynismus und Selbstironie – hier gibt es eine gute Dosis davon und sie machen das Buch zu einem wirklichen Lesevergnügen.

Mein Lieblingszitat: „Es geschah an einem Tag, als ich an der Rezension eines besonders geistesschlichten Romans saß und erfolglos um genau die Formulierung rang, die dem Autor den Garaus machen würde, ohne daß es nach Absicht aussah.“

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