Lahens, Yanick: Tanz der Ahnen
Rotpunktverlag
erschienen: 2011
ISBN: 978-3-85869-454-6
kartoniert
160 Seiten
Preis: 15,00 EUR

» in den Warenkorb » Titel merken » Noch Fragen?

Lahens, Yanick


Tanz der Ahnen


Roman


Die Ich-Erzählerin Alice Bienaimé erlebt 1934 als Fünfjährige auf den Schultern ihres Vaters den Abzug der Amerikaner, die Haiti neunzehn Jahre lang besetzt hatten. Die Vorfahren ihrer Familie waren schwarze Sklaven und die Eltern streben sehr nach einem gesellschaftlichen Aufstieg in Richtung der Weißen. Die Mutter wünscht sich für Alice einen weißen Mann und versucht ihre Kindernase mit einer Wäscheklammer schlank zu bekommen.
Im Hinterhof des Elternhauses lebt die Hausangestellte Man Bo und dort entdeckt Alice das Gegenteil ihres behüteten, geordneten Elternhauses: Ein Leben, dessen afrikanische Wurzeln nicht verleugnet werden, mit Trommeln, Geistern und dem Vaudou-Kult, der afrikanische und katholische Elemente vereint. Vaudou (auch Voodoo) entstand in Haiti im Widerstand gegen die Sklaverei und die französische Kolonialherrschaft - entsprechend wurde seine Grenzen überschreitende Kraft von der Katholische Kirche ebenso bekämpft wie von den amerikanischen Besatzern.
Nachdem Alice vom Vater die Erlaubnis zum Ballettunterricht erhält, fühlt sie, dass im Tanzen ihre Bestimmung liegt. Im Geheimen lernt Alice auch traditionellen Tanz. Mit dreizehn Jahren erlebt sie, wie die Musik Macht über sie gewinnt und sie tanzt, wie es ihre afrikanischen Vorfahren taten: „Jetzt bin nicht ich es mehr, die tanzt, sondern der Tanz, der mich durchdringt und mir mein Blut durch die Adern jagt.“ Ihr Vater gerät bei ihrem Anblick in Wut und beendet den Tanz mit einer Ohrfeige.
Als Jugendliche erlebt Alice einen kurzen kulturellen Aufbruch in Haiti, bevor das Land wieder von gesellschaftlichen Unruhen erschüttert wird. Ihr erster öffentlicher Auftritt als Tänzerin ist eine Befreiung für Alice - aus ihrem Körper spricht eine Jahrhunderte alte Weisheit, die sie stärker und lebendiger macht als je zuvor. Es zieht sie in die Ferne, um dort zu tanzen und so fährt sie nach New York.

Die gesellschaftliche Situation in Haiti zwischen seinen afrikanischen Wurzeln und der Auseinandersetzung mit der weißen Welt bildet den Hintergrund und Spiegel der Lebensgeschichte von Alice. Lahens erster Roman ist so, wie die Erzählerin die Bilder eines haitianischen Malers beschreibt, „die sparsamsten Gesten mit Überfülle gepaart“. Es gelingt ihr, mit knappen Worten eine Vielfalt von Sinnes-eindrücken in der Vorstellung ihrer LeserInnen entstehen zu lassen und das Leben in Haiti lebendig zu machen. Mit diesen Buch ist es wie bei dem Bildhauer, der gefragt wurde, woher er denn weiß, was in dem unbehauenen Steinblock steckt. Er sagte: „Man muss nur alles Überflüssige wegschlagen“. Genau so hat Yanick Lahens gearbeitet: Dies ist die Essenz der zu erzählenden Geschichte, kein Satz davon ist zuviel.

« zur Liste "Belletristik"