Albig, Jörg-Uwe: Land voller Liebe
Tropen Verlag
erschienen: 2006
ISBN: 978-3-932170-88-2
Hardcover
230 Seiten
Preis: 19,00 EUR

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Albig, Jörg-Uwe


Land voller Liebe


Roman


Der Verlagstext zu diesem Roman hat mich auf die falsche Spur gesetzt: „Im Herbst 1989 reist der Unternehmensberater Roger Beeskow auf eine karibische Insel, um einem westdeutschen Industriellen beim Aufbau einer Fabrik zu helfen. Während er sich in die junge Frau seines Mandanten verliebt und seine früherkaltete Ehe aufs Spiel setzt, gerät auch sein Heimatland aus den Fugen: Montagsdemonstrationen in Hamburg, München und Karlsruhe, Betriebsbesetzungen, ... Eine friedliche Revolution in Deutschland – doch nicht im Osten, wie es in den Geschichtsbüchern steht, sondern im Westen.“

Ich hatte erwartet, dass der Autor die Idee durchspielt, wie ein gesellschaftlicher Umbruch in Westdeutschland ausgesehen haben könnte. Aber die Revolution bleibt so weit im Hintergrund, wie die Karibikinsel von Deutschland entfernt ist und wird nur in der Wahrnehmung des Ich-Erzählers wie in einem Spiegel beobachtet. Roger Beeskow erfährt über die Medien Bruchstücke der politischen Veränderungen und sieht dabei alle seine Wertvorstellungen untergehen. Er hat als Unternehmensberater dazu beigetragen, dass Firmen die Zahl ihrer Mitarbeiter drastisch reduziert haben. Was für ihn eine sinnvolle Aufgabe war, hat den Auslöser der Revolution verschärft: die hohe Arbeitslosigkeit. Was er als Liebe zu den Menschen verstand, war ein überhebliches Eindringen in ihre ohnehin schwierigen Leben. Seine völlig emotionslose Definition von Liebe zeigt sich auch im Privaten, wo er zu freundschaftlichen oder liebevollen Gefühlen nicht in der Lage ist. Beeskow ist ein Mensch des Geldes, der wirtschaftlichen Erfordernisse und der Fakten - und er ist damit gescheitert wie das Land, das sich auf diese Sichtweise beschränkt hat.

Äußerst spannend ist der Gegensatz, den die Sprachgestaltung Jörg-Uwe Albigs dazu setzt: Voller Farben, Bilder, Assoziationen, Emotionen, Zitate aus den achtziger Jahren. Sogartig zieht diese Sprache die LeserInnen hinein in die schwüle Anderswelt der armen Karibikinsel und in den persönlichen Untergang des Ich-Erzählers. Mit fließender Leichtigkeit schafft Albig eine Atmosphäre, deren Dichte in der deutschen Gegenwartsliteratur ihresgleichen sucht.

Gesellschaftlich brisante Themen ohne erhobenen Zeigefinger und schnelle Lösungsvorschläge, dafür mit sehr genauer Beobachtung und sprachlichem Zauber bearbeitet: Ein unbedingt lesenswertes Buch!

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